27. März 2008

Wandern ist Lebenskunst

Auszug aus HAHL, M. (2008): Wandern ist Lebenskunst. Frischer Wind im Wanderparadies Naturpark Neckartal-Odenwald. In: Der Naturpark bewegt. Jahresprogramm 2008.
Eberbach. S.4-9





Motive, Moden, Marken
Wandern boomt in Deutschland. Das verraten nicht nur die Verkaufserfolge der Wanderbuchbestseller von Hape Kerkeling oder Manuel Andrack, das wissen vor allem die Umfragen: Rund 40 Millionen Deutsche gehen gerne auf Wandertour! Die Freizeitwünsche des Wanderpublikums sind nicht zuletzt ein starker tourismuswirtschaftlicher Faktor für die Region. Um zu verstehen, was Wanderer wollen, werden Marktanalysen durchgeführt, etwa die Umfragen des Natursoziologen Dr. Rainer Brämer. „Mit jeder Studie“, so Brämer, „erweitert sich das Knowhow für die umfassende Gestaltung marktgerechter Produkte.“ Qualität muss sich anhand bestimmter Kriterien messen lassen, nur dann kann man sie im Wandertourismus praktisch umsetzen. Das ist nicht immer einfach, denn so facettenreich wie die Lebensstile der Wanderer sind ihre Motive: Landschaft und Natur genießen wollen alle, wichtig sind zudem Gesundheit, Stressentlastung und nicht zuletzt die Gaumenfreude bei der Einkehr. Doch je nach Alter, Bildung oder Geschlecht gibt es abweichende Schwerpunkte.

Auch die Wanderinfrastruktur ist ins Blickfeld der Touristiker gerückt. Seit den 90er Jahren wird ein Diskurs über die veränderten Ansprüche des „neuen Wanderers“ geführt: Moderne Wanderwelten sollen nach landschaftspsychologischen Kriterien entwickelt, die Naturerlebnisse optimiert werden. Jede Menge neuer Wanderwege sind entstanden, Hunderttausende von Streckenkilometern durchziehen die deutschen Destinationen; längst nicht alle entsprechen den empfohlenen Qualitätsstandards. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, werden Zertifikate eingeführt: Gütezeichen dienen dazu, dem Wanderer Orientierung im Wegedschungel zu bieten. Marken wie die von Brämer entwickelten „Premiumwege“ oder die „Qualitätswege Wanderbares Deutschland“ des Deutschen Wanderverbandes wollen helfen, höchste Erlebnisqualität zu sichern.

Landschaft und Lebenskunst
Moderner Wandergenuss jetzt also mit Garantie? Ulrich Grober – populär durch sein Buch über „neue Wege zu einer alten Kunst“ – will einem allzu „etikettierten Wanderboom“ das Wesentliche des Wanderns entgegensetzen. „Es kommt nicht nur auf die Zertifizierung eines Weges an“, so äußert er sich im Wandermagazin, „sondern darauf, ob ich die ökologischen und kulturellen Schätze am Weg wahrnehmen kann, dass ich dafür empfänglich bin.“ Für ihn spielen „Marken“ keine Rolle: Wandern sieht er als individuellen Gegenentwurf zur technisierten Alltagswelt. Schritt für Schritt findet der Wanderer wieder zu sich selbst und zu einem entschleunigten Lebensrhythmus mit menschlichem Maß. Reale Erlebnisse in „begehbaren Räumen“ schaffen Kontraste zu den „besehbaren“ virtuellen Wirklichkeiten, geben neue Balance, neue Perspektiven. Und vielleicht, so Grobers Credo, entstehen aus der Kontrasterfahrung des Wanderers neue Leitbilder für eine ressourcenschonendere Lebensweise.

Ist die äußere Landschaft, die der Wanderer durchläuft, somit ein Gleichnis für die innere? Ist Wandern ein persönlicher Weg zwischen Naturerlebnis und Selbsterfahrung? Die bodenständigen Analysen Brämers scheinen den Trend zu bestätigen: Immerhin ist die Vorliebe für individuelle Wandertouren in den letzten Jahren erstaunlich gestiegen, im Jahr 2005 bekennen sich 46 Prozent der Befragten als Wanderindividualisten. Brämer möchte den „berechtigten Bedürfnissen zivilisationsgeschädigter Zeitgenossen“ gerecht werden. – Unter den gesellschaftlichen und ökologischen Vorzeichen des 21. Jahrhunderts wird Wanderlust zur Lebenskunst. (...)

Den vollständigen Aufsatz finden Sie im Jahresprogramm 2008 !


Literaturauswahl & Links
Manuel Andrack, 2005, Du musst wandern! Ohne Stock und Hut im deutschen Mittelgebirge. Kiepenheuer & Witsch.
Dr. Rainer Brämer, http://www.wanderinstitut.de/
Deutscher Wanderverband, http://www.wanderbares-deutschland.de/
Ulrich Grober, 2006, Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst. Zweitausendeins.
Hape Kerkeling, 2006, Ich bin dann mal weg. Malik.
Hannes Liebenstein (2007): Hüttenzauber im Odenwald. Wanderers Einkehr. höma Verlag.
Odenwaldklub, http://www.odenwaldklub.de/
PS: Mehr Grober?

13. März 2008

Wo das Mühlrad den Takt schlägt

Es gibt so einige zauberhafte Plätze im Odenwald; ein ganz besonderer ist der Höllgrund, ein tief in die Buntsandstein-Schichten eingeschnittenes Tälchen am Fuße des Katzenbuckels, im südlichen Teil des Mittelgebirges gelegen und zur Verbandsgemeinde Waldbrunn gehörend.

Hier scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Auch wenn die Höllgrunder Haushalte nur eine gute halbe Autostunde von Heidelberg oder Mosbach entfernt sind und durch Internet und DSL ohnehin längst globalen Anschluss gefunden haben. Doch im Landschaftsschutzgebiet "Höllgrund mit Eisigklinge und Scheuerklinge" lässt sich der Charakter einer alten Kulturlandschaft noch gut nachvollziehen, und zahlreiche Siedlungs- und Wirtschaftsspuren erzählen uns vor allem aus dem 19. Jahrhundert.

Das historische Foto (siehe oben), das etwa zu Beginn des 20 Jahrhunderts aufgenommen wurde, zeigt den "Mühlenhof", eine Jahrhunderte alte Ansammlung von bäuerlichen Gehöften im Unterhöllgrund; zwei dieser Gebäude waren zeitweise - zum Zwecke des Getreidemahlens - mit Mühlrädern ausgestattet. Auf dem - heute nicht mehr vorhandenen - Fachwerkhaus Mitte rechts ist das über ein oberschlächtig betriebenes Mühlrad ablaufende Wasser zu sehen, das aus einem Kandel (gemauerter Wasserkanal) dem Mühlgraben zugeleitet wurde.

Eben diese dorfgemeinschaftlich genutzten Kandel aber waren es, die über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder auch zu Ärgernissen und Konflikten führten. Der "helle Grund" war stets ein Tal der Mühlen - und der Wiesenwässerung, und so dürfte das bereits seit der Erstdokumentierung eines Unterhöllgrunder Mühlenbetriebs im Jahr 1474 gewesen sein. Beide wirtschaftsgeschichtlichen Nutzungsweisen setzten ein ausgeklügeltes Kandel-System voraus, damit immer genug Wasser sowohl zur Bewässerung der Hangwiesen als auch zum Betreiben der Mühlräder vorhanden war. - Wie in vielen anderen Regionen, so ist auch im Unterhöllgrund ein aktenkundiger Mühlenstreit belegt, der sich im frühen 19. Jahrhundert abspielte: Die Bäuerin Eva Rosina Weiß fürchtete, dass ihr das Wasser für ihre Wiesen abgezapft würde, wenn ihr Nachbar Nikolaus Ihrig seine Pläne, sein Gebäude mit einem Mühlrad auszustatten und eine neue Mahlmühle im Unterhöllgrund anzusiedeln, umsetzen würde.

Als Ihrig schließlich eine herrschaftliche Mühlenkonzession beim Amt Zwingenberg beantragte, begann der fast einjährige Rechtsstreit Weiß contra Ihrig, der sogar zu einer statistischen Bevölkerungserhebung im Herrschaftsgebiet der Zwingenberger führte, um die Notwendigkeit der Errichtung einer neuen Mahlmühle im unteren Höllgrund einschätzen zu können. - Am Ende, im zeitigen Frühjahr 1806, gab es eine gütliche Einigung zwischen beiden Parteien sowie eine exakte gesetzliche Regelung, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit welcher Anlieger Wasser aus den dörflichen Kandeln für seine Wiesen respektive seine Mühle entnehmen durfte. Wiesenwässerungsgesetze hießen solche Regelungen, und es gab sogar sogenannte Wiesenwässerwarte, die im Konfliktfall zweier Interessensgruppen zur Klärung der Umstände und Ansprüche hinzugezogen wurden. - Das historische Foto zeigt die im frühen 20. Jahrhundert immer noch weitaus offenere Hangwiesenlandschaft, kulturlandschaftliche Spuren, die wenige Jahrzehnte später immer mehr von Wiederbewaldung bedroht wurden; neuerdings versucht man durch landschaftspflegerische Maßnahmen dem Verbuschungseffekt ein wenig entgegen zu wirken.

Heute sind im Höllgrund zahlreiche Relikte historischer Wirtschaftsformen erhalten: Verfallene Kandel heben sich als unscheinbare Geländestufen von den Hängen ab, und zwei im 19. Jahrhundert mit Mühlrädern ausgestattete bäuerliche Gebäude stehen noch im Unterhöllgrund und dienen als geschichtsträchtige Wohnhäuser. Im Oberhöllgrund erzählt die restaurierte Holznersmühle mit Mühlrad, Mühlgraben und den über die Hangwiesen angelegten Wasserkandeln aus einer Zeit, als die Odenwaldbauern noch existentiell abhängig davon waren, was ihnen die landschaftlichen Ressourcen bieten konnten, und mit ihnen die technisch erstaunlich gut genutzte Wasserkraft dieses Bachtals.

Das historische Foto aus dem frühen 20. Jahrhundert präsentiert die Oberhöllgrunder Mühle mit einem pflügenden Bauern. Noch heute schlägt das Mühlrad hier den Takt im stillen Höllbachtal!

Sie möchten eine Wanderung durch diese atmosphärische Landschaft unternehmen? - Unser Tipp: Starten Sie im Unterhöllgrund und folgen Sie zunächst der asphaltierten, aber dennoch idyllischen Straße, immer am Höllbach entlang, bis zum Oberhöllgrund. Unterwegs können Sie, wenn Sie die Augen offenhalten, Spuren der landbauhistorischen Wasserkanäle an den Hängen entdecken, aber auch die historischen Häuser des Mühlenhofs werden Sie passieren. An sonnigen Sonntagen, wenn der Ausflugsverkehr zum bewirteten Mühlengasthaus der Familie Holzner besonders groß sein sollte, möchten Sie vielleicht lieber einen der am Hang verlaufenden Wanderwege nutzen, immer parallel zum Talboden. Sie kommen bald an die historische Holznersmühle, wo Sie das intakte Mühlrad bewundern können. Und wenn Sie hier einkehren - vielleicht führt Sie der Gastwirt sogar durch sein historisches Gebäude mit dem liebevoll restaurierten Mahlwerk?!

Dann sei Ihnen der Anstieg, immer weiter am Höllbach, bis nach Mülben empfohlen, wo Sie schließlich am Mülber See das wunderbar gelegene Quellgebiet des etwa sieben Kilometer langen Fließgewässers erreichen. - Für den Rückweg können Sie erst ein Stück den selben Weg benutzen - und dabei vielleicht dem Kurgestüt noch einen Besuch abstatten. Dann aber laufen Sie den 40er Ortsweg von Mülben aus bis zum Felsenhaus, einem markanten Sandstein-Aufschluss, wo einst die heimatlosen Räuber der Winterhauchbande um den Hölzerlips übernachtet und ihr Diebesgut aufgeteilt haben sollen. Übrigens: Auch in einer noch heute erhaltenen Scheune des Unterhöllgrundes soll man den Räubern Unterschlupf gewährt haben! - Über das Jagdschloss Max-Wilhelmshöhe, das aus den Sandsteinen des um 1850 wüstgefallenen Dorfes Oberferdinandsdorf erbaut wurde, kommen Sie auf den Rennweg und von hier aus schließlich wieder in den Unterhöllgrund, dem Ausgangspunkt Ihrer Wanderung. Selbstverständlich können Sie alternativ auch an vielen anderen Lokalitäten Ihren Rundweg beginnen, bspw. an der Holznersmühle oder am Kurpark in Mülben.

Auf der Wanderkarte, Maßstab 1:20.000, Nr. 13 "Neckartal-Odenwald" finden Sie alle Wege und Lokalitäten aufgeführt und können sich Ihre Tageswanderung individuell zusammenstellen. Oder wenn Sie möchten, kontaktieren Sie einfach "Michael Hahl - proreg" und vereinbaren Sie eine geführte Themenwanderung für Ihren Betriebsausflug, Ihre Wandergruppe oder Schulklasse. - So oder so: Wir wünschen viel Spaß im Tal, wo die Zeit langsamer vergeht als anderswo!

Infos auch auf der SWR-Seite!

Abbildungen:
Alle Fotos stammen aus dem proreg-Archiv; Copyright: Michael Hahl

Publikationen:
HAHL, M. (2004): Der Mühlenstreit im Unterhöllgrund 1805/1806. Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte des südlichen Odenwaldes sowie zum Konfliktpotential zwischen Mühlengewerbe und Wässerwirtschaft. In: Gemeinde Waldbrunn (Hrsg.): 600 Jahre Waldkatzenbach. Chronik eines Dorfes auf dem Winterhauch. S.129-150
HAHL, M. (2004): Der Streit um das Wasser. In: Dorflinde. Zeitschrift des Odenwaldklubs. 86.Jg. H.3, 2004. S.6-7
HAHL, M. (2004): Der Mühlenhof im Unterhöllgrund. In: Dorflinde. Zeitschrift des Odenwaldklubs. 86.Jg. H.2, 2004. S.4-5
HAHL, M. (2008): Siedlungsspuren im Unterhöllgrund. Geologie und frühe Siedlungsgeschichte eines Weilers im südöstlichen Odenwald. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes (Status: Layout)